]critic: „Hänsel & Gretel“ ist der Titel der New Yorker Schau von Ai Weiwei und Herzog und de Meuron: noch bis zum 6. August 2017, Armory, NY – Ein dunkles Kabinett mit dem Charme des erhobenen Zeigefingers.

Wir alle lassen Brotkrumen fallen (ob wir wollen oder nicht) – soll das Gleichnis sein: 

„Hansel & Gretel“ [en] ist der Titel der New Yorker Schau von Ai Weiwei und den Pritzker-Architektur-Preisträgern (2001) Jacques Herzog und Pierre de Meuron: noch bis zum 6. August 2017 wird in der Wade Thompson Drill Hall der Park Avenue Amory eine von Tom Eccles und Hans Ulrich Obrist kuratierte Installation gezeigt, bei der die Besucher, die nicht durch den beeindruckenden Haupteingang der Amory die 50.000 Quadratmeter große Halle betreten, sondern vermeintlich guerilla-mäßig durch eine unscheinbare Tür in der Lexington Avenue. Durch tiefschwarze Flure geführt finden sie sich wieder an einem Podest, wo ihnen offenbar wird, dass sie Teil der Hauptattraktion sind: unzählige Overheadkameras und Drohnen projizieren Bilder von ihnen auf den Fußboden – und verfolgen die Besucher unaufhörlich. Wie im Grimm’schen Märchen soll hier wohl erneut das Fürchten gelehrt werden (Nicht für Kinder geeignet!). Erklärungen zu den Hintergründen der Aktion sind geknüpft an die technischen ‚Erfolgsquoten’ der digitalen Gesichtserkennung. Die Genauigkeit der Überwachung soll in China weit über 100 Prozent gehen, ergänzt Ai Weiwei die Angaben seiner Kuratoren über eine Quote von bis zu 60 Prozent. Es sei wohl Ziel der Initiatoren gewesen, den Besuchern „Furcht einzuflößen“. Bei mir werden unweigerlich Erinnerungen an den diesjährigen Deutschen Pavillon („Faust“) in Venedig anlässlich der Kunst-Biennale wiedererweckt.., bei anderen kommen vielleicht eher Actionfilm-Rettungsaktionen à la Tom Cruise wieder hoch – wie befreit sich der Held aus der Meute ihn umzingelnder Bösewichte? In jedem Fall haben wir es hier mit unnötig evozierten Klischees zu tun. Geht der Besucher weiter durch die Halle, erfährt er im nächsten Raum, dass er beim Betreten des Gebäudes fotografiert wurde. Denn hier wird ein Abgleich präsentiert dieser ersten Aufnahme mit denen der Überwachungskameras in der großen Halle. Auch zu finden, ist hier eine Zeitstrahl-Darstellung, an der die Historie der Überwachung und Spionage abzulesen ist – beginnend im alten Ägypten (das Auge des Pharaos) über den Enigma-Code der Nazis bis hin zu den Observations-Techniken in Afghanistan. Für 15$ Eintritt gibt es also Didaktisches und Gruseln. Die Macht der Überwachung bewusst zu machen, ist eines. Es wirkungsvoll zu machen durch teure, (licht-)technisch hochqualitative Installationen -zumal in dieser bemerkenswerten Location-, ist etwas anderes. Aber das Unglücklichste an der Show ist ihre Oberflächlichkeit: wir wissen um die negative Bedeutung der Überwachung und von Ai Weiwei’s Geschichte. Ein gelungenes, relevantes Kunstwerk wäre, mehr anzubieten als ein ans Märchen angelehntes Dunkel-Licht-Kabinett mit dem Charme des erhobenen Zeigefingers. Denn heutzutage ist die Kehrseite der Medaille doch bei jedem Terroranschlag die Frage, warum die Überwachungspolitik –und Waffen in diesem Fall versagt haben? (Sicher verhindern Sie auch viele Anschläge.) Folgen wir der Annahme, dass Künstler allein Beobachter sind, ist das ein guter Punkt. Aber wenn das Publikum ausbliebe, bliebe eine dunkle, leere Halle… Das ist m.E. ein wenig dünn für diese hochkarätige Besetzung. 

Mit den Architekten Herzog & de Meuron, die zeitgleich die $ 210.000.000 teure Renovierung des Armory Gebäudes (19. Jh.) übernommen haben, hat Ai Weiwei bereits mehrfach zusammen gearbeitet: im Bird’s Nest Stadion für die Olympischen Spiele 2008 in Peking und im Jahr 2012 in der Serpentine Gallery in Kensington Garden, London.
Die Realisierung der Installation „Hansel & Gretel“ ist ferner unterstützt worden durch öffentliche Spendengelder der Swiss Arts Council Pro Helvetia sowie von der M K Reichert Sternlicht Foundation, Jeanne Donovan Fisher, Ken Kuchin und Tyler Morgan. (geschrieben von J. M. Noritsch)

Öffnungszeiten: Dienstag – Donnerstag: 12-20 Uhr / Samstag und Sonntag nur bis 19 Uhr

Eingang: 894 Lexington Avenue zwischen 66ster und 67ster Straße

Weitere Infos: http://www.armoryonpark.org/programs_events/detail/hansel_gretel

Artist’s Talk YouTube https://youtu.be/QHwv9-QKbqM 

Fotografie: James Ewing

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