]tip: ‚Mehr Licht!‘ in der Galerie Kornfeld, Berlin, 19. Januar

Unter dem von Johann Wolfgang von Goethe* geliehenen Titel „Mehr Licht!“ eröffnet die Galerie Kornfeld ab Freitag, 19. Januar, eine Gruppenausstellung mit Werken von
Inge Dick, Shirine Gill, Hubertus Hamm, Stefan Heyne, Marta Hoepffner, Joseph Minek, Regine Schumann und Jan Tichy. Gezeigt werden abstrakte Fotografien von historischen ebenso wie von zeitgenössischen KünstlerInnen, die bis auf Regine Schumann alle im Medium der Fotografie arbeiten. Zusammen kreieren sie einen poetischen Raum, in dem das Licht als eigentliches Sujet der Fotografie zurückgeholt wird. Wie schon im Denken Goethes wird die Anschauung selbst zur Theorie. Das Licht ist das Licht. Kuratiert von Ralf Hanselle ( Please scroll down for English press release.)

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Kontakt und Rechte der Bilder/Texte: Galerie Kornfeld, Fasanenstraße 26, 10719 Berlin

Mehr Licht!
Positionen abstrakter Fotografie
(PM)

Die Geschichte der Fotografie fußt auf mythischem Grund: Als hätte, wie einst schon beim Evangelisten Johannes, um die Mitte des 19. Jahrhunderts das Licht in der Finsternis geschienen, und als hätte diese es erneut nicht ergriffen. Es war am 6. Januar 1839, als die französische Zeitung „Gazette de France“ von einer Erfindung berichtete, die „allen Theorien über Licht und Optik Hohn sprechen“ sollte. Wenige Wochen zuvor war es dem Pariser Maler Louis Daguerre gelungen, über den Umweg einer „camera obscura“ Sonnenlicht auf eine lichtempfindliche Oberfläche einzuschreiben. Eine der großen Revolutionen der Moderne. Fortan ließ sich materialisieren, was genau betrachtet eigentlich unsichtbar war: das natürliche Sonnenlicht. Alle Vorstellungen über Zeit, Raum, Welt und Realität schienen neu geschrieben werden zu müssen.

Doch war das, was die Pioniere der Fotografie mit ihren Kameras festhielten, wirklich schon die Realität? Aus der Distanz von fast zweihundert Jahren betrachtet können Zweifel aufkommen. Sieben Jahre vor Daguerre hatte ein Dichter und Naturforscher in ein abgedunkeltes Sterbezimmer am Weimarer Frauenplan ein merkwürdiges Vermächtnis geflüstert: „Mehr Licht!“ Es waren die letzten Worte des großen „Lichttheologen“ Johann Wolfgang von Goethe. Über mehr als dreißig Jahre hinweg hatte sich der mit der Beschaffenheit jenes Lichtes auseinandergesetzt, das die Pioniere der Fotografie kurze Zeit später zum Zeichenstift ihrer Kunst erheben wollten. Immer wieder hatte Goethe in seinen Schriften auf den göttlichen Ursprung dieses physikalischen Phänomens verwiesen. Denn Licht war für den Dichter nicht einfach nur Produkt elektromagnetischen Strahlung. Im Anschluss an den Neuplatonismus manifestierte sich im Physischen vielmehr immer auch das Metaphysische, und hinter dem Licht der Welt erstrahlte ein „Urlicht“ von der Ewigkeit her.

Für einen Denker wie Goethe sollte es daher keinerlei weiteren Erkenntnisgewinn bringen, wenn man, wie zuvor bereits Isaac Newton und hernach eben Louis Daguerre, das Licht in einzelne Wellen, Teilchen oder Farben zerlegen wollte. Für den Universalisten war bereits in der Gesamtheit des Lichts alle weitere Erkenntnis enthalten. In einen gegen den sezierenden Geist der Aufklärung gerichteten Brief aus dem Jahr 1800 an Friedrich Schiller schwärmte Goethe daher von eine Frühzeit, „wo man den Mond nur empfinden wollte“, jetzt aber wolle man ihn sehen und vermessen.

Die bald beginnende Ära der Fotografie hat Goethe nicht mehr erlebt. Es lässt sich nur spekulieren, was der Weimarer „Lichttheologe“ im Angesicht einer Technik gesagt hätte, die die Welt anscheinend nur weiter entzaubert hat, indem sie das Licht unentwegt geteilt und seziert und die Natur in Formen, Objekte und Phänomene zergliedert hat – in Farben, Flächen, Schattierungen; in Häuser, Menschen und Landschaften. „Sehr oft“, so indes Goethe, „stellen die Figuren nur Begriffe dar. Es sind symbolische Hilfsmittel. Hiroglyphen Überlieferungsweisen, welche sich nach und nach an die Stelle der Natur setzen und die wahre Erkenntnis hindern anstatt sie zu befördern.“

Genau an dieser Stelle will die Gruppenausstellung „Mehr Licht!“ in die Dunkelheit und gegen gängige Vorurteile opponieren. Die ausgewählten internationalen Fotokünstler setzen Lichtzeichen für eine Re-Poetisierung der Wirklichkeit. Mit ihren vielfältigen abstrakten Bildern wollen sie nicht mehr das einzelne Phänomen der Wirklichkeit sondern „die ganze Natur“ in den Fokus nehmen, So wird „Mehr Licht!“ zu einer kultur- und generationsübergreifenden Suche nach Goethes metaphysischem Urlicht.

Der 1968 in Brandenburg geborene Stefan Heyne etwa steht mit seinen oftmals großformatigen Bildern für eine Fotografie, die ganz ohne Abbild auskommen will. Heyne zeigt eine lichtdurchflutete Unendlichkeit, in der sich alle Symbole und Formen aufgelöst haben. Ähnlich die Ansätze von Hubertus Hamm (*1950) und Inge Dick (*1941). Während Hamm die Brechungen des Lichtes auf gewellten Spiegeln beobachtet, beschäftigt sich Dick in ihren auf Minimal und Konkreter Kunst fußenden Langzeitprojekten mit den Wandlungen des Lichts im Verlauf von Stunden oder ganzen Jahreszyklen. Der in Cleveland/ Ohio lebende Joseph Minek wiederum beschäftigt sich mit der Frage, durch welche chemische Porzesse sich dieses Licht auf beschichtetem und lichtempfindlichem Papier einfangen lässt. Mittels Tonern, Entwicklern und sonstigen Fotochemikalien untersucht er die in der Kunst lange Zeit vernachlässigten fotografischen Prozesse und Materialien. Shirine Gill (*1951) sowie die 2001 verstorbene Marta Hoepffner versuchen dem Licht eine poetische Form abzugewinnen. Aus Lichtstrahlen formt Gill Symbole – Codes –, die wie Buchstaben oder Tags auf dem Fotopapier erscheinen. Mit einer vordergründigen Simplizität veranschaulicht sie den visuellen wie intellektuellen Reiz des Sehens. Hoepffner dagegen, eine einstige Schülerin Willi Baumeisters, hat aus Licht abstrakte Kompositionen geformt. „Lichtformen, Schattenformen und Zwischenformen können zum Inhalt eines Bildes werden“, so lautete das Credo dieser außergewöhnlichen Künstlerin. Eine Überzeugung, die tief in der Lichtgläubigkeit der Avantgarden wurzelt. Diese schließlich wird zum zentralen Thema des 1974 in Prag geborenen Jan Tichy, der sich auf vier Photogrammen dezidiert mit dem Werk des Künstlerpaares Lucia Moholy und László Moholy-Nagy auseinandersetzt. Ergänzt und erweitert schließlich werden diese unterschiedlichen fotografischen Positionen durch einen fluoreszierenden Farbkörper der 1961 geborenen Kölner Lichtkünstlerin Regine Schuman. Deren fast zwei Meter hohe Acrylglasarbeit „Tower Rheinstetten“ ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit der ausdrucksstarken Transformationskraft des Lichtes ,die Leuchtstele verleiht den einzelnen Themenfeldern dieser Ausstellung zugleich auch eine sinnliche Präsenz und Plastizität.

Alle Positionen zusammen kreieren in dieser Ausstellung einen poetischen Raum, in dem das Licht als eigentliches Sujet der Fotografie zurückgeholt wird.. Wie schon im Denken Goethes wird die Anschauung selbst zur Theorie. Das Licht ist das Licht. Und dieses Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis kann es hier endlich ergreifen.

Ralf Hanselle

Kontakt
Dr. Tilman Treusch:
Tel +49 30 889 225 890

*Goethe-Zitat: „Macht doch den zweiten Fensterladen auf, damit mehr Licht hereinkomme.“
(Letzte Worte von Johann Wolfgang von Goethe http://www.galeriekornfeld.com/press-releases/mehr-licht/)


PRESS RELEASE

More Light!
Contemporary Positions of Abstract Photography

With works by
Inge Dick
Shirine Gill
Hubertus Hamm
Stefan Heyne
Marta Hoepffner
Joseph Minek
Regine Schumann
Jan Tichy
and others

Curated by Ralf Hanselle

„Open the second shutter so that more light may come in“
Last words of Johann Wolfgang von Goethe

The history of photography is founded on a mythical basis: as in the Gospel of John, it seems as if, around the mid-19th century, the light shone in the darkness and, once again, the latter failed to seize the former. On 6 January 1839, the French newspaper “Gazette de France” reported on an invention that would “put to shame all theories about light and optics”. A few weeks before, the French painter Louis Daguerre had, by way of a “camera obscura”, succeeded in capturing sun light on a light-sensitive surface: one of the great revolutions of modernity. Henceforth, it was possible to materialize that which, on closer inspection, was in fact invisible: natural sunlight. It seemed as if all ideas about time, space, the world and reality had to be re-evaluated.

However, was that which the pioneers of photography had captured with their cameras really reality? In hindsight, almost two hundred years later, this may be doubted. Seven years before Daguerre’s discovery, a poet and naturalist had whispered a strange request in a darkened death chamber near the Frauenplan in Weimar: “More light!” These were the last words of the great “theologian of light” Johann Wolfgang von Goethe. For more than thirty years, he had studied the nature of that same light that the pioneers of photography would soon turn into the instrument of their art. In his writings, Goethe had insisted, time and again, on the divine origin of this physical phenomenon. For the poet, light was not simply a product of electromagnetic radiation. In accordance with Neoplatonic philosophy, everything physical also contained the metaphysical, which meant that behind the light of the world, there shone an “original light” from eternity.

For a thinker like Goethe, no knowledge could be gained from dividing light into individual waves, particles or colours, as had been attempted by Isaac Newton and then later by Louis Daguerre himself. For the Universalist, all potential knowledge was already contained in the totality of light. In an 1800 letter to Friedrich Schiller, written against the Enlightenment’s spirit of vivisection, Goethe eulogized an earlier period, where “people only wanted to feel the moon”, whereas now they wanted to see and measure it.

Goethe did not live to see the imminent advent of photography. One can only surmise how the “theologian of light” from Weimar would have responded to a technology that seemingly only continued the disenchantment of the world, by incessantly dissecting and anatomizing light and dividing nature into forms, objects and phenomena – into colours, areas and shades – into houses, people and landscapes. “Very often”, Goethe maintained, “figures only represent concepts. They are symbolic aids, hieroglyphs, transmission tools, which, by and by, come to supplant nature and impede real knowledge instead of increasing it.”

It is precisely at this point that the group exhibition “More Light!” wants to intervene, taking a step into the darkness in order to challenge prevalent prejudices. This group of eight international photo artists intends to lay down markers of light and to take a stand for the re-poeticisation of reality. Using a variety of abstract images, they no longer focus on individual phenomena of reality, but rather on “the whole of nature”. “More Light!” thereby becomes a cross-cultural and cross-generational search for Goethe’s metaphysical “original light”. The large-scale images by Stefan Heyne (born 1968 in Brandenburg), for example, represent a type of photography that wants to make do entirely without images. Heyne shows an eternity flooded with light, in which all symbols and forms have dissolved. Hubertus Hamm (*1950) and Inge Dick (*1941) take a similar approach. While Hamm observes refractions of light on corrugated mirrors, Dick, in her long-term projects based on minimal and concrete art, explores the way light changes in the course of several hours or even years. Conducting chemical experiments in a brightly lit darkroom, US photo artist Joseph Minek explores the foundations of photography’s materials and development processes. Minek does not use photosensitive paper to capture images of extra-photographic realities. His photos follow the tradition of Concrete Art, generating images that are immanent to the photographic process, using developers, toners and fixers. Shirine Gill (*1957), as well as the late Marta Hoepffner, who died in 2001, all try to wrest poetic forms from light. Gill creates symbols out of light beams – codes –, that appear on photo paper like letters or tags. With deceptive simplicity, she illustrates the visual, as well as the intellectual pleasure of seeing. Hoepffner, a former pupil of Willi Baumeister, created abstract compositions made from light. “Forms of light and shadow, as well as intermediary forms, can become the content of an image”. This was the creed of this extraordinary artist, a conviction deeply rooted in the avant-garde’s belief in light. The latter, finally, is Jan Tichy’s central theme. Born 1974 in Prague, the Chicago-based artist explores the work of the artist couple Lucia Moholy and László Moholy-Nagy on four photograms. These different photographic positions will be complemented and enriched by a fluorescent warm glow of light with a “Farbkörper” – a body of color –, by Regine Schumann, born 1961 in Cologne. Her work “Tower Rheinstetten“, a 2m high acrylic glass tower, is not only an examination of the expressive transformative power of light, it also stimulates the different themes of the exhibition and adds a sensual presence and plasticity.

Taken together, all of the positions in this exhibition create a poetic space, in which light is reclaimed as the essential subject of photography. As in Goethe’s thought, perception itself becomes theory. “The light is the light. And this light shines in the darkness and the darkness can finally seize it.”

Ralf Hanselle

 

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