]Tagungsbericht: Patrizierfamilie Tucher

Auf Einladung der Tucher’schen Kulturstiftung kamen erfahrene wie angehende Wissenschaftler in Nürnberg zu einem interdisziplinären Austausch über die Patrizierfamilie der ehemaligen Reichsstadt zusammen.

Tagung: Nürnberg 23.-24.2.2018

Bericht von Claudia Däubler-Hauschke:

Nach den vorwiegend biographischen Beiträgen des ersten Tages folgten am zweiten Vorträge zu den Tucher-Beständen u.a. im Stadtarchiv und im Museum Tucherschloss. Dann forderten die Themen „Tucher und Dürer“ sowie das „Große Tucherbuch“, eine prachtvoll illuminierte genealogische Handschrift, zur Diskussion heraus.

Zunächst informierten Bernhard von Tucher und Claudia Däubler-Hauschke über die Stiftungen der Familie. Die 2012 gegründete Tucher’sche Kulturstiftung sichert und verwaltet deren Kunst- und Kulturbesitz. In Kooperation mit Museen, Universitäten und Geschichtsvereinen engagiert sie sich für Forschungs- und Vermittlungsarbeit im Bereich der Landes- und Kulturgeschichte. Das Tucher Fellowship am Germanischen Nationalmuseum ermöglicht in diesem Kontext einen Forschungsaufenthalt in Nürnberg.

Die Fachvorträge einleitend, stellte Matthias Kirchhoff (Stuttgart) „Hans Rosenplüts ‚Lobspruch auf Nürnberg‘ (1447)“, einen wichtigen Städtelobtext des 15. Jahrhunderts, vor. Prominent überliefert ist er u.a. im Weimarer Codex aus dem Besitz der Tucher von 1502. Praktisch keine Beachtung gefunden haben drei z.T. deutlich differierende Druckauflagen, die Rosenplüts Version jeweils aktualisieren (Augsburg und Nürnberg 1488 bzw. 1490). Matthias Kirchhoff gab einen Einblick in das Editionsprojekt der Universität Stuttgart und machte dessen Ziele deutlich.

In „Vom Superlativ zum Positiv und zurück“ zeigte Antonia Landois (Nürnberg) die Haltungsänderung auf, die sich in der Familie Tucher hinsichtlich ihrer Biographik und Memoriapflege vollzog. Lehnte Anton II. Tucher zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine von Christoph II. Scheurl geplante Lobrede auf seinen Bruder Sixtus und das ganze Geschlecht der Tucher noch strikt ab, so nutzten die folgenden Generationen verschiedene Medien, um das Gedächtnis der Familie auf das Prachtvollste zu dokumentieren. Zeugnisse dieser zunehmenden Aristokratisierung sind das Tucherbuch und die Wappenfenster von St. Lorenz.

Hans VI. Tucher, Autor der berühmten Reisebeschreibung ins Gelobte Land, hinterließ ein Salbuch (Urbar) von 1477, dem sich Randall Herz (Erlangen) widmete. Das Salbuch gibt Auskunft über die hohe Finanzkraft des Jerusalemfahrers. Die bislang unpublizierte Quelle weist u.a. grundherrschaftliche Lehen und Naturalleistungen, den Häuserbesitz in Nürnberg und die persönlichen Ausgaben Hans Tuchers für Ewiggelder und Jahrtage aus.

Eine Vita geprägt vom klösterlichen Leben und dem Kampf gegen die Reformation schilderte Franz Fuchs (Würzburg): „Appolonia Tucher, Priorin von St. Klara (1460–1533)“. Besonders nahe stand sie ihrer Äbtissin Caritas Pirckheimer und ihrem Neffen Christoph II. Scheurl, der Appolonia mit einer 30-seitigen Biographie in seinem der Forschung noch unbekannten Tagebuch feierte. Scheurl stiftete auch das Epitaph für Appolonia im Kreuzgang des Klarissenklosters. Er glaubte, das Überleben seines Sohnes Jörg dem Gebet der Tante zu verdanken.

Helge Weingärtners (Nürnberg) Bericht über „Luis Sixt – ein unbekannter Tucher“ präsentierte die private Seite der Tucher jenseits von Rats- und Handelsgeschäften. Sixtus IV. Tucher, von seinem Vater, dem Losunger Linhart II., zur Unterstützung seiner Brüder im Safranhandel nach Saragossa geschickt, machte in den Briefen der Familie häufig durch sein ungezügeltes Verhalten und seinen „Unfleiß“ von sich reden. In Saragossa hatte er einen unehelichen Sohn Luis Sixt zu versorgen, der ca. 1554 geboren sein muss. 1561 findet sich die letzte Nachricht über ihn.

Hinter dem Titel „Annaberg, Anno 1514. Zu Endres III. Tucher“ verbirgt sich ein historischer Kriminalfall, über den Ivonne Burghardt (Dresden) sprach. Archäologen stießen 2016/17 im ehem. Kloster Annaberg auf ein Skelett mit Schädelverletzungen. Archivforschungen ergaben, dass es sich um den 1514 erschlagenen Johann Wengemeyer handeln muss. Dessen Mörder sagten damals aus, dass sie von dem Nürnberger Ratsherren Andreas (Endres III.) Tucher beauftragt worden seien. Tucher war jedoch nichts nachzuweisen. Auch eine Volkssage kreist um diesen Fall, den Ivonne Burghardt durch weitere Forschungen lösen möchte.

Walter Bauernfeind (Nürnberg) konnte ihr Hinweise zu Johann Wengemeyer im Stadtarchiv Nürnberg liefern. In seinem eigentlichen Beitrag „Tucher-Korrespondenz und europäische Wirtschaftsgeschichte“ machte er deutlich, dass die Tucher’schen Handelsgesellschaften im 16. Jahrhundert zu den internationalen Netzwerkern in Europa gehörten mit Niederlassungen von Genf über Lyon bis Saragossa, von Wien und Venedig bis Antwerpen. Aus Bauernfeinds Analyse des Briefarchivs ging entgegen bisheriger Annahmen hervor, wie stark die Tucher auch in der Kreditvergabe vertreten waren.

Ebenfalls im Stadtarchiv Nürnberg werden die „Tucher’schen Monumenta“ verwahrt, mit denen sich Birgit Schübel (Nürnberg) beschäftigte. Die kirchlichen, v.a. vorreformatorischen Stiftungen der Tucher wurden im 18. und 19. Jahrhundert in aquarellierten Zeichnungen festgehalten und 1937 zu einem Sammelband vereinigt. Heute stellen die Zeichnungen wichtige Bildquellen zur Rekonstruktion der zum Teil verlorenen Kunstwerke und ihrer funktionalen Zusammenhänge dar. Dies wurde u.a. an der Ausstattung von St. Bartholomäus in Wöhrd aufgezeigt.

Anja Falderbaum und Daniela Gäbisch (Erlangen) entwickelten zur „Sammlung druckgraphischer Portraits der Familie Tucher“ Fragestellungen von der Technik bis hin zur Funktion der Blätter, die sich aus dem aufkommenden sammlerischen Interesse für dieses Medium erklärt. In der Mehrzahl der aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammenden Portraits sind Ratsherren dargestellt. Bei der Frage nach den Vorlagen ließ sich der Transfer zwischen den Medien Malerei, Buchmalerei und Druckgraphik herausarbeiten.

Lisa Reinhard (Erlangen) stellte „Die Tucher’schen Portraitfotografien des 19. Jahrhundert“ vor. Die Sammlung umfasst ca. 1000 Fotos und spiegelt das gesamte Spektrum damaliger Techniken und ikonographischer Vorlieben wider. Historisch bedeutsam sind zwei Fotos im Format der Cartes de Visites von Theodor von Tucher, Brauereimagnat und Königlich Bayerischer Kämmerer. Mit Prägestempeln und Aufklebern dienten sie als Eintrittskarten für die Weltausstellungen 1867 in Paris und 1883 in Amsterdam.

Thedor von Tucher gab 1887 ein Werk für das Germanische Nationalmuseum in Auftrag, dem sich Amelie Gerhard (Erlangen) in „Maria Schöffmanns Kopie von Dürers Allerheiligenbild“ widmete. Das Original des Allerheiligenbildes, der sog. Landauer Altar von 1511, war 1585 an Kaiser Rudolf II. verkauft worden und befindet sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien. Die Kopie sollte den Originalrahmen des Altares bestücken, der in Nürnberg verblieben war. Am Germanischen Nationalmuseum hat sich auch ein von Maria Schöffmann verfasster Report erhalten, worin sie minutiös ihre Arbeit an der Kopie beschreibt.

Das italianisierende Gedächtnisbild für Dr. Lorenz Tucher in St. Sebald ist eines der wenigen Kunstwerke der Dürer-Zeit in situ. Der Entwurf stammt von Dürer selbst. Für die Ausführung zeichnete 1513 ein vermeintlicher „Schüler“ verantwortlich. Im Beitrag „Der Autor des Tucher-Epitaphs: Neue Funde zur Biographie Hans von Kulmbachs“ räumte Masza Sitek (Krakau) nicht nur diese Legende vom Schüler-Lehrer-Verhältnis zu Dürer aus dem Feld, die sich um die Person Kulmbachs rankt. Eine weitere betrifft einen längeren Aufenthalt Kulmbachs in Krakau, der sich nicht eindeutig nachweisen lässt.

Thomas Schauerte (Nürnberg) suchte in „Dürer und Sixtus Tucher“ nach Berührungspunkten zwischen dem Künstler und dem Humanisten. Jüngst hatte Schauerte den Versuch unternommen, Sixtus Tucher mit einer der Personen auf Dürers Holzschnitt „Männerbad“ von 1496 zu identifizieren. Nun spürte er – ausgehend von zwei Scheibenrissen von 1502, die Sixtus vor dem personifizierten Tod zeigen – Dürers Bilderfindungen zum Thema „memento mori“ nach. Demnach setzte sich Dürer wohl intensiv mit Sixtus und dessen persönlicher „ars moriendi“ auseinander.

„Das Große Tucherbuch: Kulturgeschichtliche Vermittlungsansätze“ – unter diesem Titel bereitete Christian Kuhn (Frankfurt) das Prunkexemplar des Tucher’schen Geschlechterbuches, das zwischen 1590–1606 u.a. mit Portraits ausgestattet wurde, zielgruppenorientiert für ein nichtwissenschaftliches Publikum unter 25 Jahren auf. Seine provokative Frage lautete: Ist das Tucherbuch ein „Facebook“ des 16. Jahrhunderts? Anhand verblüffender Parallelen legte Christian Kuhn dar, auf welche Weise beide Medien jeweils in ihrer Zeit Identität stiften und zu Orten des sozialen Gedächtnisses werden.

Um das „Große Tucherbuch“ lassen sich einige Handschriften gruppieren, deren Filiation im Einzelnen noch nicht geklärt ist. Michael Diefenbacher (Nürnberg) konnte in seinem Beitrag „Ein unbekanntes Tucherbuch“ eine weitere Handschrift vom Ende des 16. Jahrhunderts hinzufügen. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte man sie zwar verzeichnet, doch erst jüngst im Stadtarchiv wiederentdeckt. Es muss sich, wie Diefenbacher darlegte, um eine der Vorstufen im aufwändigen Entstehungsprozess der Genealogie handeln.

Zum „Großen Tucherbuch“ gibt es weiterhin Forschungsbedarf. So bleibt von kunsthistorischer Seite die Beschäftigung mit seinen Illuminationen ein Desiderat. Insgesamt zeigte die Tagung, dass selbst gut erschlossene Quellen des 15. und 16. Jahrhunderts, wie das Briefarchiv, immer wieder neues Material liefern. Eine vergleichende Auswertung der Archive verwandter Familien wie z.B. den Scheurl, böte weiterführende Erkenntnisse. Stärker in das Blickfeld der Forschung sollte die Zeit ab dem 17. Jahrhundert rücken. Auch die Auseinandersetzung mit einzelnen Sammlungsbeständen steht erst am Anfang. Ein interdisziplinärer wie intermedialer Ansatz, wie in dem Workshop verfolgt, ist ein erfolgversprechender Weg für die weitere Tucher-Forschung.

Redaktion: Livia Cárdenas

Claudia Däubler-Hauschke: Die Nürnberger Patrizierfamilie Tucher (Nürnberg, 23. – 24.02.2018). In: ArtHist.net, Apr 30, 2018.

Bildnachweis: http://museen.nuernberg.de/tucherschloss

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