]tip: PS120 „Loose Ends Do Not Tie“ („The Way Things run“)

Berlin: Gründer der Exhibitionary-App und ehemaliger Esther Schipper-Kurator Justin Polera ist seit etwa vier Wochen Galeriemanager der PS120 in der Potsdamer Straße.

„Loose Ends Do not Tie“, der erste Teil der Ausstellungs-Trilogie „The Way Things Run“, realisiert eine ungewöhnlich gute Verstärkung so unterschiedlicher Arbeiten internationaler Künstler – Kompliment! Auf sehr anspruchsvolle Art und Weise werden die künstlerischen Positionen in dem Projektraum perfekt unter dem großen Schirm ‚Migration‘ kuratiert.

Zurecht spricht Kurator Jeppe Ugelvig von Palimpsesten: im einzelnen, aber vor allem in der Gesamtschau wahrnehmbar.

Neue Narrative von Zugehörigkeit und Bewegung werden darstell- und spürbar durch die Arbeiten von: Alvaro Barrington, Tom Burr, Reneé Green, Iman Issa, Mirak Jamal, Joan Jonas, Tarik Kiswanson, Zac Langdon-Pole, Olu David Ogunnaike und Rosemarie Trockel. Den unterschiedlichsten materiellen Spuren der Künstler folgend eröffnet die Ausstellung Diskurse zu Herkunft, Kodierung, Verschiebung, Identitätssuche und Positionierung.

Ruhig, dezidiert, berührend.

Reneé Green „come closer“ 2008.

Die Videoarbeit bewegt sich tagebuchartig zwischen Lissabon, San Francisco und Brasilien, um eine intime Landkarte der Beziehungen in der modernen lusophonen Welt zu schaffen (Portugiesisch mit einigen Konversationsauszügen in englischer Sprache). „Come Closer“ zeigt mit poetischer Komplexität, wie sich unsere Vergangenheit mit unserer Gegenwart verbindet.

Olu Ogunnaike „Stock: 178795455“, 2018, 56x76cm.

Das Bett aus dem Holz der Bäume seiner Eltern..

In jüngster Zeit hat sich Olu Ogunnaike mit Holz als industriellem Rohstoff beschäftigt, der in der heutigen globalen Gesellschaft zirkuliert. Sein raumhohes Objekt „Stock: 107792391“ besteht aus acht Siebdrucken mit Holzkohle auf Styropor. Da das Material nicht auf dem Träger fixiert ist, werden die Einflüsse von Raumluft, Zeit oder auch Transporten die Werke verändern – vielleicht bleibt irgendwann nur das Styropor zurück.

Ähnlich verhält es sich auch mit „Strange Blooms“: die Holzkohle-Drucke sind zwar hinter Glas gebracht, aber allein der Transport von London nach Berlin hat die Bilder erneut gestaltet, die Bewegung der Autofahrt werden durch gelöste Partikel an der Innenseite des Glases ebenso sichtbar wie auf dem Papier. (Je 83x63x3 cm, à 3.500,-€)

Der schwedisch-palästinensische Künstler Tarik Kiswanson markiert Geschichten über Herkunftsvertriebene, indem er aus Messing oder Silberbesteck geschweißte Skulpturen herstellt. Das Silber würde nach dem Exil seiner Großeltern von Jerusalem geschmolzen. Hier produzieren materielle Reste von Schauplätzen neue Formen nomadischer Relationalität, während sie als Relikte der Verschiebung dienen.

Tarik Kiswanson „the wait“ 2017, 158x40x40 cm (inkl. Stahlschrank)

(Akustisch vernommen könnte der Stadt Werktitel auch „weight“ bedeuten.) 15.000,- €

Ab 1987 brachte Rosemarie Trockel mit Equator Productions eine Reihe von Teppichen für den Innenbereich heraus, die von tibetischen Handwerkern hergestellt wurden. Mit der Einbeziehung bekannter Industriesymbole aus der westlichen Bekleidungsindustrie in ihre Entwürfe kommentierte Trockel den ambivalenten Raum, den das Handwerk nicht nur in der Kunst, sondern in der westlichen industriellen Massenproduktion als eine von Frauen ausgelagerte und von Frauen ausgeübte Arbeitsform anerkennt. Trockel lädt dazu „Made in Western Germany“ bspw. gesellschaftshistorisch mit massiv differenzierten Konnotationen der allerorts sehr begehrten und luxuriösen Waren auf:

Erstes Bild: „Made in Western Germany Blue“, 1990, Teppich, 32×218 cm.

Zweites Bild: „Wool“, 1990, 184×242 cm, 6/15 (55.000,-€)

Tom Burr: „Where there’s smoke“, 2011, Radiator und Playboy.

Mirak Jamal: „Ways of Goat“, 2018 (Diptychon)

Joan Jonas: „Wind“, 1968, Stummfilm

Zac Langdon-Pole: „Paradise Blueprint“, 2017 (Tapete mit den abgetrennten Füßen der Paradiesvögel, einer neuseeländischen Tradition) sowie

„Residuals (c)“, 2017, Kiste mit Juwelen-Replika der Queen und Maulgeschirr mit Zacken nach außen für frischgeborene Kälber zur unverzüglichen Entwöhnung des Muttermilch-Saugreflexes, damit sie den für den Menschen so wertvollen Rohstoff nicht verzehren.

Der in Venezuela geborene Maler Alvaro Barrington reflektiert in seiner Arbeit persönliche und kollektive Identifikation, oft hochromantisch, durch fast vergessene Materialien und Objekte, und untersucht, wie die improvisatorische Gegenüberstellung kultureller Formen zu neuen produktiven Hybriditäten der Affinität führen kann. Seine fortlaufende Postkartenserie zeigt generische Postkarten mit ursprünglichen Motiven, die von dicken, texturierten Nähfäden gewaltsam eingeschnitten werden.

Abb.: „1954-1967“, 2018, 27,9×35,6cm.

Mehr zu Alvaro Barrington @ PS1: https://youtu.be/afK7KRFTZ9E

Während sich „PS1″ in New York ans MoMA anschließt und auch „Primary School“ heißt, bedeutet PS120 in Berlin: Potsdamer Straße 120.

Bis 27. Mai: Donnerstag – Samstag 11-18Uhr.

Mit einem Eingang neben einer typischen Berliner Dönerbude, gelegen über dem Woolworth an der berühmten Ecke der Kurfürstenstraße und Potsdamer Straße, wird der 250m² Projektraum fünf Ausstellungen über die kommenden zwölf Monate präsentieren.

Bildrechte: Courtesy of the artists & PS120

http://ps120.org/

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