]Super-8-Filme, Gabriele Stötzer, während der mitteldeutschen Kunstmesse, 6.-9. September 2018

Tip: Super-8-Filme von Gabriele Stötzer und der Künstlerinnengruppe Exterra XX auf der mitteldeutschen Kunstmesse KUNST/MITTE in Magdeburg, 6.-9. September 2018

[Pressekontakt Messe: Sonja Renner https://kunst-mitte.com/presse%5D
[Künstlerkontakt Berlin: Jana M. Noritsch http://www.collectorsclub.berlin/news%5D
PM Super-8 Gabriele Stoetzer KunstMitte

screenshot-kunst-mitte.com-2018.08.21-18-33-49[Film-Stills aus „Trisal“, „Komik komisch“ und „Austreibung aus dem Paradies“, s.u.]

„Wir brauchten den Feminismus damals, um gehört zu werden – auch die Untergrund-Szene der Künstler/-innen in der DDR war durchweg von Männern dominiert! …Und wir hatten Zeit – wir hatten nichts, außer uns und Zeit.“
Gabriele Stötzer (GS), 2018

Gabriele Stötzer (*1953) ist eine der beeindruckendsten, unermüdlichsten Künstlerinnen unserer deutsch-deutschen Gegenwart. Sie gehörte zur experimentellen Super-8-Filmszene der 1980er Jahre in der DDR und war Gründungsmitglied der Künstlerinnengruppe Exterra XX, 1984 in Erfurt. Trotz Repression durch das Regime, Willkür, Zuchthaus und Verrat wollte sie nicht ausreisen.

Gabriele Stötzer (ehem. Kachold) 1987 Foto: Günter Prust
Gabriele Stötzer (ehem. Kachold) 1987 Foto: Günter Prust

Sie waren jung und schön, geläutert und gefährdet, wütend und mutig, sie hörten auf ihre Fantasien und nahmen sich mit den wenigen zur Verfügung stehenden Mitteln allerhand heraus. Nachdem Gabriele Stötzer in den Jahren nach ihrer Haftentlassung 1978 (‚Staatsverleumdung‘) zunächst die Idee einer künstlerischen Manufaktur – im bauhaus’schen Sinne in der Pergamentergasse 41 in Erfurt  – lebte, malte, webte, zeichnete, schrieb, töpferte, arbeitete sie seit Anfang der 80er Jahre mit den Künstlerinnen in ihrem persönlichen Umfeld zusammen. „Uns verband, dass wir im Jetzt und Hier leben wollten.“ (GS) Aus der Frauengruppe wurde 1984 nach vielen Namensgebungen die Künstlerinnengruppe Exterra XX, was außerirdisch klang und an weibliche Chromosomen erinnert. Bis dato die einzige Künstlerinnengruppe in der DDR. 1986 entstand der erste gemeinsame Super-8-Film „Frauenträume“.

„Für mich bedeuteten die Treffen mit der Frauengruppe, über die Gegenwart hinaus archetypische Frauenbilder zu entdecken und Visionen zu entwickeln. Wir machten u.a. zusammen Töne, Schreie, Musik, die uns zu einer eigenen Frauensprache führen sollten und die wir bei späteren Filmen als Hintergrundmusik nutzten. Unser Prinzip war, unser Leben zum Gegenstand der Kunst zu machen und in Mode, Film und Performance darzustellen. Die individuellen Proteste und Brüche bekamen so einen Sinn und halfen uns, nicht im einsamen Aufstand zu verpuffen. Oft knallten die Temperamente gegeneinander, aber auf einer tieferen Ebene erkannten wir gleiche Ideale und berechtigte Forderungen, eine Kraft, die uns immer mehr zu interessieren begann.“ (GS)

Konsequent und radikal verfolgt Gabriele Stötzer eine eigene Bildsprache, die gegen das offizielle sozialistische Frauenbild (der DDR) aufbegehrt und die patriarchale Festschreibung von Weiblichkeit künstlerisch unterläuft – Themen, die Kolleginnen wie Peaches heute noch auf die Bühne bringen (n.b.k., 12.8.18). Ihren ersten Film drehte sie 1983: „Kai und Karsten“. Der Funke zur Ausweitung ihrer künstlerischen Praxis auf dieses neue Medium wurde durch die Zusammenarbeit mit ihrer damaligen engen Freundin Cornelia Schleime (Prenzlauer Berg-Szene) entfacht – und zählt neben der Fotografie zu einer ihrer wichtigsten Artikulationsformen. Stötzers konzeptuelle Brücke bei ihren filmischen wie auch fotografischen Arbeiten war das soziale Moment im künstlerischen Prozess, die Suche nach Ausdrucksformen in der Gruppe. Sie verwob komplexe Gefühle aus anderen Lebensbereichen in ein gemeinsam praktiziertes, partizipatives Ganzes.

Sie experimentierte und ihre Filme dokumentieren dies mehr, als dass sie einer Story folgen. Kostüme, Klänge, Tanz, Licht-Schatten visualisieren archaische Frauenrollen und führen sie zugleich in die Lächerlichkeit – auf jeden Fall werden sie durch die Performance ausgelöscht (vgl. „Austreibung aus dem Paradies“). Naturgegebene Requisiten wie Eier, Filz, Haare werden auf dem nackten Frauenkörper relevant in „Trisal“, Drehort: ein Hinterhof. Unabhängigkeit der weiblichen Sexualität zelebriert sich, während die Assoziationen zum Ursprung des Lebens, der Geburt, zerschlagen werden.

[Stills aus „Trisal“ s.u.]

Ob Freundschaft, Solidarität oder Eifersucht und Ablehnung: innerhalb der zehn Jahre (Gabriele Stötzer trat 1994 aus der Künstlerinnengruppe aus und ging nach den Niederlanden) wurde den Künstlerinnen doch immer wieder klar, dass sie gemeinsam in der Gruppe kreativ sein konnten und dies brauchten, um zu kanalisieren, was sie im Alltag an Zweifeln, Lähmung und Furcht plagte. Sie konnten hier schreien, ihrem nackten Schmerz Ausdruck verleihen, ganz selbst, aber auch andere sein oder in die handgefertigten Angst- oder Traum-Kleider der anderen steigen.

Allein der künstlerische Prozess, experimentell zu arbeiten und im nächsten Moment der Staatssicherheit ein Dorn im Auge zu sein, war per sé eine politische Aussage. Ausstellungen in  Privatwohnungen, eine unabhängige Musikszene und Super 8-Filmvorführungen in Kellern und Hinterhöfen waren seit Ende der 1970er Jahre in der DDR die Existenzgrundlage einer systemkritischen Bewegung, die eigendynamisch eine andere Realität schuf.

Gabriele Stötzer lebt und arbeitet in Erfurt – und beeindruckt heute in ihren Performance-Seminaren an der Uni Erfurt, wo sie 1976 politisch exmatrikuliert wurde, ihre Studenten, indem sie ihnen neue Erfahrungsräume öffnet. Sie ist auf zahlreichen Podien geladen und stellt europaweit aus.

Am KUNST/MITTE-Stand des Collectors Club Berlin werden zwei fotografische Serien gezeigt. (Künstlerkontakt/Text: J. M. Noritsch) Zur hiesigen Collectors Night (Anmeldung bis 25. August) gibt es eine Sonderedition von Gabriele Stötzer: „Draht gespiegelt“ (aus der Körpermalaktion Cornelia Schleime in Hüpstedt 1981, fotografiert von Gabriele Stötzer )  

Folgende vier Super-8-Filme von Gabriele Stötzer/Exterra XX werden auf der Messe gezeigt:

Austreibung aus dem Paradies // D: Monique Förster, Claudia Räther // *1984 // 25 min.

Trisal // D: Verena Kyselka, Monika Andres // *1986 // 20 min.
Kamera, Schnitt, Ideen: Gabriele Stötzer (ehem. Kachold)

Spitze // *1986 // 12 min. // SW // D: Peter Krause (IM Breaky)

Komik komisch // *1988 // 25 min.
Künstlerinnengruppe Erfurt „Exterra XX“ // Kamera, Schnitt: Gabriele Stötzer

IMG_2847
Collectors Night 2018 (Anmeldung bis 25. August 2018)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s